Farbrausch 2023
Paradox — jeweils zwei einander zugeordnete Bilder, die sich radikal voneinander unterscheiden und doch den Anspruch erheben, im Grunde gleich zu sein. Links die Collagen, mit wechselnder farblicher Dominanz von Bild zu Bild: immer wieder starke haptische Eindrücke, ein Spiel mit textilen Oberflächen, klar gegeneinander abgegrenzt oder ineinander verschlungen, glatt oder rau, faltig, wolkig, einfarbig oder changierend, verspielte Details, dann aber im gleichen Bildraum Leder, Schaum, Holz, Perlmutt — hartes Aufeinanderprallen heterogener Materialien. Ein starker sinnlicher Eindruck.
Und rechts, jeweils den Collagen zugeordnet, Bilder digitaler Kunst, entstanden in einem komplexen Prozess als digitale Transformationen der analogen Originale in Abstraktion von der ursprünglichen Materialästhetik:
- Reduktion der Collagen-Flächen auf eine bestimmte Anzahl der Collagen-Farbtöne
- Extraktion dieser Farbtöne aus den Collagen
- algorithmisch organisierte Verteilung auf eine vielfarbige Kreisfläche, die sich von einem monochromen Hintergrund abhebt.
Entstanden sind auf diese Weise Gebilde in geometrischer Anordnung – vom farblich hervorgehobenen Kreismittelpunkt aus durchschneiden 36 strahlenförmige Kreissektoren 12 konzentrische schmale Kreisringe. Entstanden sind so aber auch faszinierende Bilder, farbenprächtige, kaleidoskopisch schillernde Strahlenkränze, deren Ästhetik von der Spannung zwischen unterschiedlichen Sehweisen lebt, zum Beispiel:
- Gern lässt sich der Blick der Betrachterin, des Betrachters auf das irrlichternde Spiel der in den zwölf Farbenkreisen verstreuten Farbpartikel ein, nach Belieben aus der Distanz oder der Nähe.
- her mag das Auge angezogen werden von der Dynamik der keilförmigen Strahlen, die den Blick vom Kreiszentrum aus – die Farbkreise durchbrechend — nach außen drängen, ins Offene
- Mächtiger wird der Blick wohl in die entgegengesetzte Richtung gelenkt, die Farbenstrahlen scheinen gezielt aus dem Außenraum, durch die zwölf Farbkreise hindurch sich zuspitzend, ins Zentrum des Kreises vorzustoßen, ins Innere
Collage und Strahlenkranz — radikal voneinander unterschieden und doch mit dem Anspruch, im Grunde gleich zu sein? Den gemeinsamen Grund bilden zunächst die Freude an einem ästhetischen Wechselspiel der Farben und der künstlerische Wille, dieses Spiel je individuell zu gestalten. Darüber hinaus und vor allem aber verbindet Künstlerin und Künstler das Interesse an einem gemeinsamen Werk, einem Werk, das in der Kooperation der beiden — über die persönliche Eltern-Kind-Beziehung hinaus — ein zeitgenössisches generatives Verfahren repräsentiert, einen komplexen, mehrstufigen, multimedialen Sampling-Prozess von den Vorstufen der Textilien als Objekten der Modefotografie, (a) deren Darbietung in Zeitschriften (b) zu den Sampling-Techniken der Collagen im Ausschneiden und Arrangement der Ausschnitte (c) über die digitale Fotografie der Collagen, (d) das Einlesen der Daten in den Computer per Statistikprogramm sowie die algorithmische Extraktion der Farben (e) bis zum Druck auf FineArt-Papier, dem Aufziehen der beiden gedruckten Bilder auf Aluminium und (f) der gemeinsamen Präsentation der beiden Bilder als ein Kunstwerk.
Werken der Generative Art wie diesem geht es nicht eigentlich um ein künstlerisches Endprodukt, sondern um den Entstehungsprozess, wie er sich im Werk spiegelt – und um das begründende gedankliche Konzept. Das Konzept der Gegenüberstellung zweier unterschiedlicher und doch verwandter Ästhetiken in einer Gesamtkomposition könnte vielleicht lauten „Spannungen verbinden“.



